Bayreuth (DJ) – Wer glaubte, im Eishockey schon alles gesehen zu haben, der wurde am 23. Spieltag der DEL2-Saison 2019/2020 eines Besseren belehrt. Zweimal führten die Löwen mit drei Toren, nur um am Ende vor 1.523 Zuschauern im Eisstadion Bayreuth mit 7:10 (4:2, 2:3, 1:5) den Kürzeren in im Raubtier-Duell zu ziehen.

Max Eisenmenger (2), Luis Schinko (2), Steven MacAulay, Eddie Lewandowski und Roope Ranta trafen für die Löwen, denen gleich sieben Spieler fehlten: Neben Adam Mitchell, Mike Fischer, Christian Kretschmann, Thomas Gauch und Alex Roach traten auch Lukas Koziol und Darren Mieszkowski die Reise nach Oberfranken nicht an.

Löwen Head Coach Matti Tiilikainen suchte dennoch nicht nach einer Ausrede: "Ich muss mich bei unseren Fans entschuldigen. So dürfen wir nicht auftreten. Wir haben nur 30 Minuten Eishockey gespielt. In einer Liga, in der es so eng zugeht, reicht das einfach nicht."

Kick-Start der Löwen

„Auch der Tabellenletzte muss erstmal geschlagen werden“ - selbst wenn die Statistiken praktisch alle eine eindeutige Sprache sprechen. Im Falle von Bayreuth hieß das für die Löwen eine Abwehr zu knacken, die zwar mit 82 Gegentore die drittmeisten Treffer der Liga kassiert hat, aber Frankfurt mit ihrer dichten Staffelung im Slot die Löwen schon oft geärgert hat.

Ob sich Bayreuths Coach Petri Kujala vor der Partie gegen die Löwen eine neue Defensiv-Taktik hatte einfallen lassen oder seine Tigers im 1. Drittel einfach mehrfach völlig außer Position waren, ist zwar nicht überliefert, den Löwen wird es allerdings auch egal gewesen sein. Vor allem Max Eisenmenger (11.) und Schinko (19.) nutzten die ihnen gewährten Freiräume im Zentrum der Tigers-Defensive, um in zwei sich gleichenden Spielzügen die Vorlagen jeweils von Rechtsaußen im Lauf aufzunehmen und mit schnellen und platzierten Schüssen zwei Treffer für die Löwen zu markieren.

War bei Max Eisenmengers 2:0 (11.) noch Ex-Löwen Goalie Brett Jaeger im Tor, hütete bei Schinkos 4:2 (19.) bereits Back-Up Timo Herden das Tor der Tigers. Herden erlöste Jaeger in der 13. Minute, nachdem die Löwen durch Schinkos ersten Treffer im Powerplay auf 3:0 erhöht hatten. Einen Schuss von  Ranta hatte Jaeger nach halblinks prallen lassen, wo Schinko den Rebound souverän verwertete und beendete damit Jaegers Arbeitstag ungewohnt früh.

Alte Tricks

In den letzten Duellen war es nicht selten der einstige Meistergoalie der Löwen, der gegen seinen ehemaligen Club immer irgendwie einen starken Tag erwischte und die Löwen oft verzweifeln ließ. Nachdem Jaeger heute allerdings dreimal nicht allzu gut aussah – auch beim 1:0 durch MacAulay, der aus zentraler Position durch Jaegers Beine die Löwen in Führung brachte (3.) - entschied sich Kujala zum klassischen Wake-Up-Call für sein Team und brachte Herden ins Spiel.

Doch so alt dieser Kniff auch sein mag, so effektiv ist er oftmals. Schon im nächsten Wechsel gelang Bayreuth aus dem nebulösen Nichts der Anschlusstreffer durch Tyler Gron. Auch die Löwen ließen sich in dieser Szene vom Infekt des entblößten Slots anstecken, so dass Gron die Vorlage von Melanson ins Zentrum ohne Probleme zum ersten Bayreuther Treffer verwerten konnte (14.).

Aus der Götterdämmerung erwacht, agierten die Tigers plötzlich offensiv. Nur gut zwei Minuten später gelang Ville Järveläinen gar der unmittelbare Anschluss zum 2:3, als er einen unfreiwilligen Screen von Kolozvary, der im Torraum zu Fall kam, nutzte und den Puck an Patrick Klein vorbei ins Tor der Löwen schlenzte (16.).

Offense wins games...

Dass Bayreuths Probleme in dieser Saison nicht zwingend im Angriff liegen, zeigt nicht nur der Blick auf die Torstatistik der laufenden Runde. Dort liegen die Tigers mit 64 Treffer zwar deutlich hinter den Löwen (78 Tore) aber ligaweit im Mittelfeld. Dank Spielern wie Järveläinen, Gron oder auch dem Neuzugang Drew Melanson sind die Tigers immer für ein Treffer gut, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt - was die Löwen im restlichen Spielverlauf zu oft taten.

Zuerst gewährten sie erneut Järveläinen bei einem Gegenzug zu viel Platz in der Mitte, was der Finne zu seinem zweiten Treffer des Abends nutzte (30.). Und als Carter Proft und später Daniel Wirt die ersten beiden Strafen der Löwen nahmen, zeigten sich die Tigers eiskalt im Powerplay: Jusso Rajala staubte zunächst einen Abpraller von Klein aus dem Slot ab (32.), 16 Sekunden vor der zweiten Pause verwertete Melanson einen schönen Spielzug über Järveläinen und Gron aus dem tiefen Slot zum 5:6 (40.).

Dass die Löwen trotz der fünf Gegentore immernoch führten, verdankten sie zwei eigenen Treffern im Mitteldrittel von Max Eisenmenger und Lewandowski. Eisenmenger stellte schon in der 27. Minute den aus dem ersten bereits gehabten Drei-Tore-Vorsprung wieder her, als er einen verlorenen Puck erlief, dabei einen Bayreuther Verteidiger stehen ließ und Herden die Scheibe durch die Beine zum zwischenzeitlichen 5:2 schob.

Die beiden folgenden Treffer der Tigers beantwortete Löwen-Top-Scorer Lewandowski mit einer starken Einzelleistung, bei der er sich durch zwei Bayreuther Verteidiger tankte und den Puck mit einem platzierten, halbhohen Schuss zum 6:4 ins lange Eck versenkte (34.).  

Show-Down im Schlussdrittel

Durch Melansons erneuten Anschluss war das Spiel vor dem Schlussdrittel aber immernoch völlig offen, obwohl die Löwen das Geschehen auf dem Eis deutlich bestimmten, die Zweikämpfe meist für sich entschieden und strukturierter agierten.

Dabei fehlten den Löwen beim Gastspiel in Bayreuth nicht weniger als sieben Spieler, so dass Tiilikainen wieder einmal umfassende Umbaumaßnahmen in der Aufstellung vornehmen musste. Bis zum 5:2 der Löwen schienen die Umstellungen, die u.a. die Eisenmenger-Brüder und Steven MacAulay zusammenführten sowie Ranta wieder an die Seite von Lewandowski stellten, aber recht spurlos an den Löwen vorbeizugehen bzw. stellenweise gar zu beflügeln.

Bayreuths Hartnäckigkeit sich auch von einem 0:3 und einem 2:5 Rückstand nicht unterkriegen zu lassen, mussten die dezimierten Löwen im Schlussdrittel allerdings doch Tribut zollen. Melansons Ausgleich zum 6:6 nach 44. Minuten durch eine perfekte Direktabnahme nach Querpass von Thomas Schmidt schien zunächst noch verschmerzbar.

Schwarzer Freitag

Doch das Momentum kippte mit diesem Treffer endgültig. Die Löwen nahmen drei Strafen binnen eineinhalb Minuten, die Bayreuther agierten in Überzahl völlig entfesselt und nutzten jedes Powerplay mit Treffern von Rajala (45.), Veisert (46.) und Schmidt (47.) binnen 126 Sekunden zur 9:6-Führung. Weder ein Torwartwechsel von Klein zu Jimmy Hertel noch eine Auszeit konnten den Lauf in dieser Phase stoppen. Erst Rantas Treffer zum 7:9 (49.) weckte bei den Löwen wieder Hoffnung, die Melanson noch in der selben Minute allerdings wieder dämpfte (49.).

Doch die Löwen gaben sich keinesfalls auf und traktierten das Tor der Tigers mit wütenden Angriffen. Carter Proft mit einem Lattentreffer (51.), der erst nach langem Videobeweis auch als solcher identifiziert wurde sowie ein weiterer Treffer des Gestänges durch einen wohl abgefälschten Schuss (53.) hätten die Löwen auch noch einmal unmittelbar in Schlagdistanz bringen können. Beiden Abschlüssen fehlten jedoch die entscheidenden Zentimeter, so dass es in diesem unfassbaren Spiel bis zum Schluss beim 10:7 blieb.

Ausblick

Am Sonntag laden die Löwen zum großen Family-Day: Bereits ab 16:00 Uhr empfangen sie die Wölfe Freiburg in der heimischen Eissporthalle. Tickets mit attraktiven Familien-Paketen gibt es im Löwen-Ticket-Shop. Für alle Verhinderten überträgt natürlich auch Sprade-TV die Partie live.

Bayreuth Tigers - Löwen Frankfurt 10:7 (2:4, 3:2, 5:1)

Statistik